Hashimoto und Darm, warum beides zusammengehört

Beim einen Arzttermin geht es um deine Schilddrüse, beim anderen um deinen Bauch. Zwei Praxen, zwei Befunde, zwei getrennte Gespräche. Dabei hängen Hashimoto und Darm enger zusammen, als in vielen Terminen zur Sprache kommt. In diesem Beitrag zeige ich dir, warum das so ist und welchen ersten Hebel du selbst in der Hand hast. Lesezeit: 11 Minuten

Hashimoto und Darm, zwei getrennte Baustellen?

Lange bevor ich etwas über den Zusammenhang zwischen Darm und Schilddrüse wusste, hatte ich gefühlt zwei völlig getrennte Baustellen. Die eine hieß Hashimoto. Dafür gab es jeden Morgen eine Tablette und regelmäßig Blutwerte. Die andere betraf meinen Bauch. Mir war oft übel, ich hatte Bauchschmerzen und Krämpfe, dazu häufig Verdauungsbeschwerden.

Irgendwann dachte ich, das gehört eben zu mir. Genauso wie die bleierne Müdigkeit und der Brain Fog. Kein Arzt hat die beiden Baustellen damals miteinander in Verbindung gebracht, und ehrlich gesagt ich selbst auch nicht.

Erst als ich mit dem Autoimmunprotokoll begann, wurde es in meinem Bauch nach und nach ruhiger. Die Übelkeit verschwand, die Krämpfe auch. Heute spüre ich solche Beschwerden eigentlich nur noch, wenn ich etwas esse, das ich nicht vertrage. Inzwischen weiß ich, dass sich auch die Forschung mit genau dieser Frage beschäftigt. Man spricht sogar von einer Darm-Schilddrüsen-Achse.

Warum dein Darm ein Immunorgan ist

Dein Darm ist nicht nur für die Verdauung zuständig. Er ist auch ein zentrales Immunorgan. Ein großer Teil deines Immunsystems ist direkt mit dem Darm verbunden. In der Fachliteratur wird häufig beschrieben, dass rund 70 Prozent des Immunsystems dem darmassoziierten Immunsystem zugerechnet werden.

Das ist plausibel, weil dein Darm eine riesige Kontaktfläche zwischen Außenwelt und Körperinnerem bildet. Alles, was du isst und trinkst, kommt zunächst von außen. Genau an dieser Grenze muss dein Immunsystem besonders aufmerksam sein.

Der Türsteher an deiner Darmwand

Dafür hilft ein Bild. Stell dir deinen Körper wie einen Club vor. Dein Darm ist der Eingang, und an der Tür steht ein erfahrener Türsteher, deine Darmschleimhaut. Er entscheidet pausenlos, wer hereindarf und wer draußen bleiben soll. Nährstoffe dürfen rein. Krankheitserreger und problematische Bestandteile sollen draußen bleiben.

Drinnen wartet der Sicherheitsdienst, dein Immunsystem. Vor der Tür ist außerdem immer viel los, denn dort leben Billionen von Mikroorganismen, deine Darmflora. Viele dieser Bakterien sind wie gute Nachbarn. Sie halten den Platz stabil, und einige produzieren sogar Stoffe, die deine Darmschleimhaut unterstützen.

Solange die Mischung stimmt, bleibt das System in Balance. Verschiebt sie sich aber, werden hilfreiche Bakterien weniger und ungünstige Keime stärker. Dann wird es lauter vor der Tür. Die Darmbarriere kann durchlässiger werden, und drinnen geht beim Sicherheitsdienst häufiger der Alarm los.

Fachleute nennen so eine Schieflage in der Darmflora Dysbiose. Eine durchlässige Darmbarriere kennst du vielleicht als Leaky Gut. Wichtig ist, ein Immunsystem im Daueralarm wird nicht einfach schwächer, es kann auch überempfindlicher werden. Und ein überreiztes Immunsystem kann leichter Fehlentscheidungen treffen.

Bei Autoimmunerkrankungen richtet sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe, bei Hashimoto gegen die Schilddrüse. Das heißt nicht, dass ein Leaky Gut allein Hashimoto verursacht, so einfach ist Biologie fast nie. Aber es erklärt, warum Darmgesundheit, Immunaktivierung und Autoimmunprozesse so eng zusammenhängen können.

Erkenntnis 1: Dein Darm ist ein zentrales Immunorgan.

Ein großer Teil deines Immunsystems sitzt direkt an der Darmwand. Gerät die Darmflora aus dem Gleichgewicht und wird die Barriere durchlässiger, kann das Immunsystem in einen Daueralarm geraten, der bei Autoimmunprozessen eine Rolle spielt.

Was die Forschung zur Darmflora bei Hashimoto zeigt

Gibt es konkrete Hinweise, dass sich die Darmflora bei Hashimoto verändert? Mehrere Übersichtsarbeiten haben Studien ausgewertet, die die Darmflora von Menschen mit Hashimoto mit der gesunder Menschen verglichen haben. Im Durchschnitt zeigten sich dabei Unterschiede in der Zusammensetzung.

Welche Bakteriengruppen genau betroffen sind, unterscheidet sich aber von Studie zu Studie. Das ist wichtig, denn es gibt noch kein einfaches Muster nach dem Motto, dieses eine Bakterium fehlt und deshalb entsteht Hashimoto. Die Forschung ist hier noch in Entwicklung. Aber sie zeigt deutlich genug, dass der Darm bei Hashimoto kein Nebenschauplatz ist.

Eine Bakteriengruppe wird besonders häufig diskutiert, nämlich Bakterien, die kurzkettige Fettsäuren bilden. Eine davon heißt Butyrat. Butyrat ist eine Energiequelle für die Zellen deiner Dickdarmschleimhaut, also Nahrung für den Türsteher. Es entsteht, wenn bestimmte Darmbakterien Ballaststoffe verwerten, die du selbst nicht verdauen kannst.

Butyrat wird damit in Verbindung gebracht, die Darmbarriere zu stabilisieren und das Immunsystem im Darm zu regulieren. Ehrlich eingeordnet zeigen solche Studien vor allem Zusammenhänge. Sie beweisen nicht, was Ursache und was Folge ist. Aber sie deuten darauf hin, dass es eine Rolle spielt, wer vor deiner Tür lebt und womit du ihn fütterst. Und genau darauf kannst du über deine Ernährung Einfluss nehmen.

Die Darm-Schilddrüsen-Achse geht in beide Richtungen

Bisher haben wir geschaut, wie der Darm auf das Immunsystem wirkt. Die Verbindung zwischen Darm und Schilddrüse ist aber keine Einbahnstraße. Sie hat zwei Richtungen.

Von der Schilddrüse zum Darm

Deine Schilddrüsenhormone geben vielen Organen den Takt vor, auch deinem Verdauungstrakt. In unserem Bild bestimmt die Schilddrüse das Tempo der Musik im Club. Läuft sie zu langsam, wird auch im Darm vieles langsamer. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion wird deshalb häufig eine träge Verdauung beschrieben, bis hin zur Verstopfung.

Vom Darm zur Schilddrüse

Umgekehrt führt der Weg vom Darm zur Schilddrüse über mehrere Stationen. Zum einen über das Immunsystem, über das wir schon gesprochen haben. Zum anderen über die Nährstoffe. Deine Schilddrüse braucht zum Beispiel Selen, Eisen und Zink, und diese Nährstoffe müssen erst über den Darm aufgenommen werden.

Und dann gibt es einen dritten Weg, über den wenig gesprochen wird, deine Schilddrüsentablette. Dein Schilddrüsenhormon wird vor allem im Dünndarm aufgenommen. Gut untersucht ist, dass bestimmte Magen-Darm-Erkrankungen die Aufnahme von Levothyroxin verschlechtern können, etwa Zöliakie, eine Infektion mit dem Magenkeim Helicobacter pylori oder chronische Entzündungen der Magenschleimhaut.

Dann kommt vom Hormon in deiner Tablette weniger im Körper an. Wenn deine Schilddrüsenwerte trotz gleicher Dosis immer wieder schwanken, kann das ein wichtiger Punkt für das nächste Gespräch mit deinem Behandlungsteam sein. Bei mir selbst konnte die Hormondosis nach sechs Wochen im AIP zum ersten Mal überhaupt reduziert werden. Vorher wurde sie immer nur erhöht. Woran genau das lag, kann ich nicht sicher sagen. Für mich war es aber ein deutlicher Hinweis, wie eng Darm, Immunsystem und Schilddrüse verbunden sein können.

Erkenntnis 2: Die Darm-Schilddrüsen-Achse läuft in beide Richtungen.

Die Schilddrüse beeinflusst über ihre Hormone die Verdauung. Und der Darm wirkt über das Immunsystem, die Nährstoffaufnahme und sogar die Aufnahme deiner Schilddrüsentablette auf die Schilddrüse zurück.

Wie du deine Darmflora im Alltag unterstützt

Die gute Nachricht, wer vor deiner Tür lebt, ist nicht in Stein gemeißelt. Deine Darmflora reagiert auf das, was du jeden Tag isst. Deine guten Darmbakterien leben vor allem von Ballaststoffen. Das sind Nahrungsbestandteile, die du selbst nicht vollständig verdaust, die für bestimmte Bakterien aber wertvolles Futter sind.

Ballaststoffe und Pflanzenvielfalt

Verschiedene Bakterien haben unterschiedliche Vorlieben. Deshalb zählt nicht nur, wie viel Gemüse du isst, sondern auch, wie vielfältig deine pflanzlichen Lebensmittel sind. In einem großen Mikrobiom-Projekt aus den USA hatten Menschen mit mehr als dreißig verschiedenen Pflanzen pro Woche eine vielfältigere Darmflora als Menschen mit zehn oder weniger.

Auch das ist ein Zusammenhang und kein Beweis für eine Therapie. Aber es ist ein schöner, alltagstauglicher Anhaltspunkt, mehr Abwechslung auf dem Teller kann mehr Vielfalt im Darm bedeuten. Besonders beliebt bei guten Darmbakterien sind präbiotische Lebensmittel wie Zwiebeln, Knoblauch oder Topinambur, dazu Wurzelgemüse, Blattgemüse, Kräuter und Beeren.

Wichtig gerade bei einem empfindlichen Darm, führe solche Lebensmittel langsam und individuell verträglich ein. Mehr ist nicht automatisch besser. Wenn du auf Zwiebeln, Knoblauch oder sehr ballaststoffreiche Lebensmittel mit Blähungen oder Schmerzen reagierst, ist das ein Signal, achtsam vorzugehen und im Zweifel fachliche Begleitung einzubeziehen.

Fermentierte Lebensmittel

Eine zweite interessante Gruppe sind fermentierte Lebensmittel. Sie bringen selbst lebende Mikroorganismen mit, sofern sie nicht erhitzt wurden. Bei mir hat das ganz praktisch in der Küche angefangen. Ostern 2017, mitten in meiner Eliminationsphase, habe ich zum ersten Mal selbst Sauerkraut angesetzt. Ein paar Wochen vorher hätte ich nicht daran gedacht.

Selbst gemacht hat einen Vorteil. Sauerkraut aus dem Regal ist oft erhitzt, damit es lange haltbar bleibt, und Hitze tötet die Milchsäurebakterien ab. Frisches, nicht erhitztes Sauerkraut enthält sie noch. Angefangen habe ich mit einem kleinen Löffel zu einer Mahlzeit, und genau das würde ich auch dir mit empfindlichem Darm empfehlen, langsam starten. Ein Teelöffel kann am Anfang reichen.

Dazu passt eine kleine Studie der Stanford University mit gesunden Erwachsenen. Sie aßen über zehn Wochen deutlich mehr fermentierte Lebensmittel. In dieser Gruppe wurde die Darmflora vielfältiger und mehrere Entzündungsmarker im Blut sanken. Das war keine Hashimoto-Studie, daraus folgt also nicht, dass Fermente jede Autoimmunerkrankung verbessern. Aber es ist ein interessanter Hinweis, dass Ernährung die Darmflora und Immunmarker beeinflussen kann.

Im AIP kannst du neben Sauerkraut auch anderes milchsauer eingelegtes Gemüse nutzen. Statt Joghurt oder Kefir aus Milch eignen sich zum Beispiel Kokosjoghurt oder Kokos-Kefir, sofern du sie gut verträgst.

Erkenntnis 3: Deine Ernährung ist der tägliche Hebel für deine Darmflora.

Vielfältige pflanzliche Ballaststoffe und, wenn du sie verträgst, fermentierte Lebensmittel unterstützen deine guten Darmbakterien. Gerade bei empfindlichem Darm gilt, langsam starten, ein Teelöffel Sauerkraut kann am Anfang reichen.

Wo das Autoimmunprotokoll ansetzt

Vielleicht fragst du dich, wie du all diese Puzzleteile im Alltag zusammenbringst, die Nährstoffaufnahme, die Darmbarriere, die Darmflora, das Immunsystem und deine Schilddrüse. Genau hier setzt das Autoimmunprotokoll an.

Das AIP ist keine reine Weglass-Diät. Es geht nicht darum, möglichst viele Lebensmittel zu verbieten. Es geht darum, dem Körper für eine begrenzte Zeit eine Entlastungsphase zu geben und ihn gleichzeitig mit besonders nährstoffreichen Lebensmitteln zu versorgen.

Auf der einen Seite reduziert das AIP für eine begrenzte Zeit Lebensmittel, die bei empfindlichen Menschen das Immunsystem, die Darmbarriere oder Entzündungsprozesse ungünstig beeinflussen können, etwa Getreide, Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Eier, Nüsse, Samen und Nachtschattengewächse. Auf der anderen Seite geht es mindestens genauso stark darum, was bewusst dazukommt, viel Gemüse, hochwertige Proteine, gute Fette, Knochenbrühe, Kräuter und fermentierte Lebensmittel.

Damit unterstützt das AIP mehrere Bereiche gleichzeitig, deine Nährstoffversorgung, deine Darmbarriere und deine Darmflora. Und weil Schlaf, Stressmanagement und maßvolle Bewegung ausdrücklich dazugehören, auch deine gesamte Belastung. Das Ziel ist nicht, noch mehr Druck aufzubauen, sondern in deinem Körper wieder Bedingungen zu schaffen, unter denen Regeneration möglich wird.

Bei mir haben sich durch das AIP nach vielen Jahren endlich auch die Darmbeschwerden nachhaltig gebessert, und gleichzeitig veränderte sich mein ganzes Energielevel. Eine allgemeingültige Regel kann ich daraus nicht ableiten. Aber es war der erste Ansatz, der meine Beschwerden nicht isoliert betrachtet hat. Nicht nur Schilddrüse, nicht nur Bauch, sondern den Körper als zusammenhängendes System.

Dein nächster Schritt

Deine Schilddrüse und dein Bauch sind keine zwei getrennten Baustellen. Sie gehören zu einem gemeinsamen System. Deshalb lohnt es sich, Darmgesundheit, Immunsystem, Nährstoffversorgung und Schilddrüse zusammen zu denken. Vielleicht bist du beim nächsten Arzttermin diejenige, die diese Verbindung bewusst anspricht.

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Häufige Fragen (FAQ) zu Hashimoto und Darm

Hängen Hashimoto und der Darm wirklich zusammen?

Vieles deutet darauf hin. Ein großer Teil des Immunsystems sitzt an der Darmwand, und Übersichtsarbeiten finden bei Hashimoto Unterschiede in der Darmflora, allerdings ohne ein einheitliches Muster. Außerdem läuft die Darm-Schilddrüsen-Achse in beide Richtungen. Das heißt nicht, dass der Darm allein Hashimoto verursacht, aber er ist kein Nebenschauplatz.

Warum habe ich trotz guter Schilddrüsenwerte Verdauungsbeschwerden?

Dafür kann es mehrere Gründe geben. Schilddrüsenhormone beeinflussen die Darmbewegung, zusätzlich sind Darm und Immunsystem eng verbunden, und manchmal stecken individuelle Unverträglichkeiten dahinter. Wenn Beschwerden anhalten, sprich sie am besten gezielt bei deinem Behandlungsteam an.

Muss ich sofort viele Ballaststoffe und Fermentiertes essen?

Nein, im Gegenteil. Gerade bei einem empfindlichen Darm ist langsam starten sinnvoller. Ein Teelöffel Sauerkraut zu einer Mahlzeit kann am Anfang reichen. Mehr ist nicht automatisch besser, dein Darm darf sich Schritt für Schritt umgewöhnen.

Über die Autorin Sabrina Bergmann

20 Jahre lebte ich mit Hashimoto, bevor ich verstand, dass meine Schilddrüse trotz Medikamenten immer weiter an Funktion verliert, solange der autoimmune Prozess dahinter nicht deutlich vermindert wird. Brain Fog, chronische Erschöpfung, das Gefühl, von meinem eigenen Körper im Stich gelassen zu werden – das war meine Normalität.

2017 kam der Wendepunkt: Ich entdeckte das Paleo Autoimmunprotokoll und nahm meine Gesundheit in die eigenen Hände. Heute geht es mir besser denn je.

Auf Hashimoto & Co. teile ich meine Erfahrungen und das Wissen, das ich mir über Jahre angeeignet habe – als Mentorin für Menschen mit Autoimmunerkrankungen, die bereit sind, die Ursachen hinter autoimmunen Prozessen zu verstehen und ihre Vitalität zurückzugewinnen.

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Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine medizinische, therapeutische oder ernährungstherapeutische Beratung dar. Es ersetzt nicht die Konsultation eines Arztes oder Heilpraktikers. Individuelle Ergebnisse können variieren. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an dein Behandlungsteam.

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